Timaios
Dieser Text Platons ist die älteste überlieferte Beschreibung der
fünf regelmäßigen Körper. Das griechische Original kann
im Perseus-Katalog geladen werden: Timaios
53c - d und Timaios
55a.
Der Timaios 27d-39b ist in der Gegenüberstellung von Original, lateinischer
Übertragung (Chalcidius) und wortnaher Übersetzung ins Deutsche auf den
Seiten von Hans Zimmermann
zu finden - von denen auch der nachstehende Auszug stammt:
Platon, Timiaos 52
(d) - 57 (d):
Zustand des Raumes
und der Grundstoffe vor der Erschaffung der Welt;
die Entstehung
der vier ursprünglichen Körper aus dem Zusammentreten der zwei schönsten
Dreiecke;
Möglichkeit
von fünf Welten?
Verteilung
der ursprünglichen Körper an die vier Grundstoffe;
der
Übergang der Grundstoffe ineinander.
Übersetzung: Hieronymus Müller,
Leipzig 1857
Dies also werde als nach meinem
Urteil berechnete Aussage zusammenfassend gegeben: Seiendes, Raum und Werden
waren, bevor noch der Himmel entstand, als drei in dreifacher Weise. Die Amme
des Werdens aber stelle sich, zu Wasser und Feuer werdend und indem sie die
Gestaltungen der Erde und Luft in sich aufnimmt sowie die anderen damit verbundenen
Zustände erfährt, als ein allgestaltig Anzuschauendes dar; da sie
aber weder mit ähnlichen noch mit im Gleichgewicht stehenden Kräften
angefüllt wurde, befindet sich nichts an ihr im Gleichgewicht, sondern
als überall ungleichmäßig schwebend wird sie selbst durch jene
erschüttert und erschüttert, in Bewegung gesetzt, umgekehrt jene.
Die in Bewegung gesetzten Grundstoffe aber zerstreuen sich, von einander geschieden,
dahin und dorthin, gleichwie das in Körben und anderen Reinigungsgeräten
des Getreides Gerüttelte und Ausgeworfelte, wo das Dichte und Schwere nach
einer andern Stelle fällt, an einer anderen aber das Lockere und Leichte
sich niederläßt; ebenso wurden damals die vier Gattungen von der
Aufnehmenden geschüttelt, die selbst bewegt wurde, wie ein Werkzeug zum
Erschüttern, und trennten selbst das Unähnlichste am weitesten voneinander
und drängten das Ähnlichste am meisten in eins zusammen. Darum haben
auch die verschiedenen Gattungen verschiedene Stellen eingenommen, bevor aus
ihnen das Weltganze geordnet hervorging. Ehe das aber geschah, sei alles dies
ohne Maß und Verhältnis gewesen; als jedoch Gott das Ganze zu ordnen
unternahm, haben sich anfangs Feuer, Wasser, Luft und Erde, die aber bereits
gewisse Spuren von sich selbst besaßen, durchaus in einem Zustande befunden,
wie er bei allem, über welches kein Gott waltet, sich erwarten läßt.
Diese von Natur also Beschaffenen formte zunächst Gott durch Gestaltungen
und Zahlen. Daß er aus einem nicht so beschaffenen Zustande auf das möglichst
schönste und beste sie zusammenfügte, diese Behauptung stehe uns durchgängig
in allem fest. Jetzt aber müssen wir es versuchen, die Anordnung und das
Entstehen der einzelnen in ungewöhnlicher Darstellung zu verdeutlichen;
da ihr jedoch der durch Unterweisung eröffneten Wege kundig seid, die wir
bei Nachweisung unserer Ansichten einzuschlagen genötigt sind, so werdet
ihr schon folgen.
Daß nun erstens Feuer, Erde,
Wasser und Luft Körper sind, das sieht wohl jeder ein; aber jede Gattung
von Körpern hat auch Tiefe, und es ist ferner durchaus notwendig, daß
die Tiefe das Wesen der Fläche um sich herum
hat, die rechtwinklige Fläche aber besteht aus Dreiecken. Alle Dreiecke
nun gehen von zweien aus, deren jedes einen rechten und sonst spitze Winkel
hat; das eine von beiden hat zu beiden Seiten die Hälfte eines rechten
Winkels, der durch gleiche Seiten eingefaßt wird, das andere aber ungleiche
Teile eines rechten Winkels, der an ungleiche Seiten ausgeteilt ist. Das also
nehmen wir, indem wir den Weg, der sich uns als mit Notwendigkeit verbunden
und zugleich wahrscheinlich zeigt, einschlagen, als den Anfang des Feuers
und der übrigen Körper an; die noch weiter zurückgehenden Anfänge
dieser aber kennt nur Gott und wer unter den Menschen sich seiner Huld erfreut.
Angeben müssen wir aber, wie wohl die vier schönsten Körper
entstanden, unähnlich zwar unter sich, von denen aber manche durch Auflösung
aus einander zu entstehen vermögen. Gelang uns das, dann erfassen wir
die Wahrheit über das Entstehen der Erde und des Feuers und der ihrem
Verhältnisse nach die Mittelstellen einnehmenden; denn das werden wir
niemandem einräumen, daß es, wenn jeder von diesen Körpern
als eine eigene Gattung besteht, schönere sichtbare gebe als sie. Dahin
also müssen wir streben, die durch ihre Schönheit ausgezeichneten
vier Gattungen der Körper zusammenzufügen, dann können wir
behaupten, daß wir ihre Natur zur Genüge erfahren.
Von den beiden Dreiecken hat nun
das gleichschenklige nur eine das ungleichseitige aber unzählige. Von diesen
zahllosen müssen
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wir nun ferner das schönste
auswählen, wenn wir in folgerechter Weise beginnen wollen. Weiß aber
jemand ein für die Zusammensetzung dieser Körper schöneres auszuwählen
und anzugeben, den begrüßen wir nicht als Gegner, sondern als einen
das Rechte behauptenden Freund. Wir nehmen also, mit Übergehung der übrigen
von den vielen Dreiecken eins als das schönste an, aus welchem drittens
das gleichseitige entstand, weshalb, das erheischt eine ausführlichere
Darlegung; der Kampfpreis desjenigen aber, welcher das gründlich widerlegt
und entdeckt, daß es nicht so sich verhalte, sei unsere Freundschaft.
Zwei Dreiecken sei denn der Vorzug zuerkannt, aus welchen die Körper des
Feuers und der übrigen Grundstoffe zusammengefügt sind, dem gleichschenkligen
und demjenigen, in welchem stets das Quadrat der größeren Seite das
dreifache des der kleineren ist. Aber das früher undeutlich Ausgesprochene
müssen wir jetzt genauer bestimmen. Alle vier Gattungen nämlich schienen
durch einander hindurch ineinander das Entstehen zu haben, doch dieser Anschein
war nicht richtig. Denn aus den Dreiecken, die wir auswählten, entstehen
vier Gattungen; drei derselben aus dem einen, welches ungleiche Seiten hat;
aber die vierte allein ist aus dem gleichseitigen Dreieck zusammengefügt.
Bei allen ist es also nicht möglich, daß durch Auflösung ineinander
aus vielen kleinen wenige große und umgekehrt entstehen, bei dreien aber
ist es tunlich, denn alle sind aus einem entstanden; werden aber die größeren
aufgelöst, so werden aus ihnen viele kleine entstehen, indem sie die ihnen
zukommenden Gestalten annehmen; wenn dagegen viele kleine nach Dreiecken gesondert
werden, dann dürfte eine Zahl eine andere große Gestaltung eines
Umfangs bilden.
Soviel über den Übergang
der einen in die andere. Zunächst dürfte wohl zu erklären sein,
wie jede einzelne Gattung und aus wie vieler Zahlen Zusammentreffen sie entstand.
Den Anfang soll die erste, in ihrer Zusammensetzung kleinste Gestaltung machen;
das ihr zugrunde liegende Dreieck ist das, dessen Hypotenuse die kleinere
Kathete um das Doppelte übertrifft. Werden je zwei dergleichen mit den
Hypotenusen aneinandergelegt und das dreimal wiederholt, indem die Dreiecke
mit den Hypotenusen und den kürzeren Katheten in einem Punkte zusammentreffen,
so entsteht aus der Zahl nach sechs Dreiecken ein gleichseitiges. Vier zusammengefügte,
gleichseitige Dreiecke bilden durch je drei ebene Winkel einen körperlichen,
welcher dem stumpfesten unter den ebenen am
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nächsten kommt. Durch die Bildung
vier solcher Winkel entstand der erste feste Körper, vermittels dessen
die ganze (um ihn beschriebene) Kugel in gleiche und ähnliche Teile zerlegbar
ist. Der zweite Körper entsteht aus denselben Dreiecken, welche zu acht
gleichseitigen sich verbinden und aus vier ebenen einen körperlichen Winkel
bilden; nachdem aber dergleichen sechs entstanden sind, erhält auch der
zweite Körper seine Vollendung. Der dritte entstand aus der Zusammenfügung
von zwei mal sechzig Grunddreiecken und zwölf körperlichen Winkeln,
deren jeder von fünf gleichseitigen ebenen Dreiecken eingeschlossen ist,
während er zwanzig gleichseitige Dreiecke zu Grundflächen hat. Und
nach Erzeugung dieser Körper hat das eine der beiden Dreiecke seine Dienste
getan, das gleichschenklige aber ließ die Natur des vierten entstehen,
indem es, zu vieren sich vereinigend und die rechten Winkel im Mittelpunkt zusammenführend,
ein gleichseitiges Viereck bildete; sechs dergleichen verbanden sich zu acht
körperlichen Winkeln, deren jeden drei recht winklige Ebenen einschlossen.
Die Gestalt des so entstandenen Körpers ist die des Würfels, der sechs
gleichseitige, viereckige Grundflächen hat. Da aber noch eine, die fünfte
Zusammenfügung übrig war, so benutzte Gott diese für das Weltganze,
indem er Figuren darauf anbrachte.
Sollte nun jemand, wenn er das alles
sorgfältig erwägt, in Zweifel sein, ob man eine unbeschränkte
oder beschränkte Zahl von Welten anzunehmen habe, dann würde er wohl
die Annahme einer unbeschränkten für die Meinung eines darin, worin
keine Beschränkung stattfinden sollte, wirklich beschränkten Geistes
ansehen; ob es aber angemessen sei, zu sagen, daß es von Natur in Wahrheit
eine oder daß es deren fünf gebe, das ließe sich von diesem
Standpunkte aus mit größerem Fug in Zweifel ziehen. Nach unserer
Ansicht stellt es sich heraus, daß sie der Wahrscheinlichkeit zufolge
von Natur nur ein Gott ist; ein anderer aber wird, indem er auf irgend etwas
anderes sein Augenmerk richtet, einer anderen Meinung sein.
Doch ihn müssen wir gehen
lassen; jetzt aber wollen wir die unserer Rede zufolge entstandenen Gattungen
in Feuer, Erde, Wasser und Luft teilen. Der
Erde wollen wir die Würfelgestalt zuweisen, denn die Erde ist von den vier
Gattungen die unbeweglichste und unter den Körpern der bildsamste; dazu
muß aber notwendig derjenige werden, welcher die festesten Grundflächen
hat. Nun ist die aus den anfänglich zugrunde gelegten Dreiecken zusammengefügte
Grundfläche ihrer Natur nach bei gleichen Seiten fester als bei ungleichen
und die aus beiden zusammengesetzte gleichseitige Fläche notwendig, in
ihren Teilen und im ganzen, vierseitig feststehender als dreiseitig. Darum bleiben
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wir der Annahme des Wahrscheinlichen
treu, indem wir das der Erde zuteilen, dem Wasser dagegen die unter den übrigen
am mindesten bewegliche Gattung, die beweglichste dem Feuer, die dazwischenliegende
der Luft; weiter den kleinsten Körper dem Feuer, den größten
dem Wasser, den mittleren der Luft; die schärfste Spitze ferner dem Feuer,
die zweite dem Wasser, die dritte der Luft. Bei diesen allen muß also
dasjenige, welches die wenigsten Grundflächen hat, von Natur das beweglichste
sein, indem es allerwärtshin das schneidendste und schärfste von allen
ist sowie auch das leichteste, da es aus den wenigsten gleichförmigen Teilen
besteht; das zweite muß in denselben Beziehungen die zweite, das dritte
die dritte Stelle einnehmen. Es gelte uns aber, der richtigen sowie auch wahrscheinlichen
Ansicht zufolge, der Körper, welcher zur Pyramide sich gestaltete, für
den Grundbestandteil und den Samen des Feuers; den seinem Entstehen nach zweiten
Körper wollen wir für den der Luft, den dritten für den des Wassers
erklären. Das alles aber müssen wir so klein denken, daß jedes
Einzelne jeder Gattung seiner Kleinheit wegen von uns nicht gesehen wird, sondern
daß wir nur die Massen vieler zusammengehäufter erblicken; und so
auch, daß Gott allerwärts die Verhältnisse der Mengen, der Bewegungen
und übrigen Kräfte, insofern es die Natur der Notwendigkeit willig
und gehorsam gestattete - daß er so vollständig alles auf das genaueste
ordnete und zu verhältnismäßiger Übereinstimmung
führte.
Nach allem nun, was wir über
die Gattungen bereits bemerkt haben, möchte es wohl der Wahrscheinlichkeit
nach folgendergestalt sich verhalten. Es dürfte die Erde, trifft sie mit
dem Feuer zusammen, durch dessen Schärfe aufgelöst umhergetrieben
werden - ob sie nun im Feuer selbst aufgelöst wird oder in einer Masse
von Luft oder Wasser sich befindet -, bis etwa ihre Teile irgendwo zusammentreffen
und wieder unter sich selbst verbunden zur Erde werden; denn in eine andere
Gattung dürfte diese wohl nicht übergehen. Das durch das Feuer oder
auch die Luft zerteilte Wasser aber kann, wieder vereinigt, zu einem feurigen
und zwei luftigen Körpern sich gestalten. Bei der Luftzerteilung ferner
dürften wohl aus einem aufgelösten Teile zwei feurige Körper
sich bilden; und umgekehrt, wenn Feuer, von Luft, Wasser und manchen erdigen
Bestandteilen, das spärliche von vielen umgeben, von dem Urnhergetriebenen
in Bewegung gesetzt, gegen sie ankämpfend und unterliegend, zerfliegt,
dann vereinigen sich zwei feurige Körper zu einer Luftgestalt. Unterliegt
aber die Luft und wird sie zersetzt, dann wird aus zwei und einem halben Teile
derselben ein vollständiger Wasserkörper zusammengepreßt.
Wir wollen sie nämlich wiederum
folgenden Betrachtungen unterwerfen. Wenn von den anderen Gattungen eine,
vom Feuer umgeben,
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durch die Schärfe der Winkel
und Kanten desselben zerschnitten wird, so hört dieses Zerschneiden auf,
sobald sie in die Natur des Feuers übergeht; denn jede ähnliche und
sich selbst gleiche Gattung kann weder auf die ihr selbst gleiche und ähnliche
einwirken noch von der in solchem Zustande befindlichen etwas erleiden. Solange
aber das Schwächere mit dem Stärkeren beim Übergange in ein anderes
ringt, hört es nicht auf, sich aufzulösen. Ist dagegen das Kleinere
vom Größeren, das Wenige von dem Vielen umgeben und verlischt durch
Zersetzung, dann hört es zu verlöschen auf, wenn es mit der Gestalt
des Überlegenen sich verbinden will, und aus Feuer wird Luft, aus Luft
Wasser; geht es aber in diese letzteren über und kämpft gegen dasselbe
eine der anderen, mit jener zusammengeratende Gattung, dann läßt
es nicht ab sich aufzulösen, bis es entweder, völlig ausgestoßen
und aufgelöst, zu dem Verwandten sich flüchtet oder bis, besiegt,
aus Vielem ein dem Obsiegenden Ähnliches wird und mit ihm an derselben
Stelle verharrt. Bei solchen Einwirkungen nämlich vertauscht gewiß
alles seine Stelle; denn die Masse jeder einzelnen Gattung tritt auseinander
zu seiner eigenen Stelle vermöge der Bewegung der Aufnehmenden, und das
jedesmal sich selbst unähnlich, anderem aber ähnlich Gewordene wird
durch die Erschütterung nach der Stelle desjenigen hingetrieben, dessen
Ähnlichkeit es annahm.
Durch solche Vorgänge also
erfolgte die Bildung der einfachen und ersten Körper; daß sich
aber in ihren Gestaltungen von Natur verschiedene Gattungen herausstellten,
davon ist die Ursache auf die Zusammensetzung jeder der beiden Grundformen
zurückzuführen, indem anfangs beide Zusammensetzungen nicht bloß
ein Dreieck von einer Größe erzeugen, sondern größere
und kleinere, deren Anzahl den Gattungen gleichkommt, in welche die Gestaltungen
zerfallen. Darum ist die Mannigfaltigkeit ihrer Mischungen unter sich und
untereinander eine unendliche, welcher diejenigen nachforschen müssen,
welche eine wahrscheinliche Darstellung der Natur zu geben beabsichtigen.
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